Bass Collection FAQ


Der Fortschritt nach den Jahren

Willkommen im Club! Meet the family.

Mal ein paar Namen von Leuten, die diese Situation schon genau so hatten und detailliert beschrieben haben? Michael Manring, Steve Bailey und David Cross fallen mir spontan ein. Dieses Phänomen ist keins, und ich denke auch nicht, dass es Bass-spezifisch ist, aber Bassisten reden scheinbar am häufigsten darüber. Deshalb, und weil dieses Thema mir schon so oft in der Literatur über den Weg gelaufen ist, möchte ich auch gern intensiver darauf eingehen.

Vorweg eins: alle Leute, auch die, die sich sehr eingehend mit dem Thema Lehren und Lernen beschäftigt haben (Ed Friedland sei hier genannt, oder eben auch Steve Bailey) haben kein Kochrezept auf den Tisch gelegt. Aber Wege zu einer individuellen Lösung. Die erste Annäherung an eine Antwort ist: man muss sich Methoden und Techniken erarbeiten, durch dieses Loch durch zu kommen.

Lernkurven fallen sehr individuell aus, jedoch sind bestimmte Entwicklungen bei sehr vielen Musikern gleich. Das Gefühl in einem Graben zu stecken und sich weder technisch noch musikalisch weiter zu entwickeln ist eines der verbreiteten. Jedoch ist gar nicht negativ oder schlimm, weil: es zeigt, dass man bereits einen Level erreicht hat und in der Lage ist, die eigene Entwicklung sehr genau wahr zu nehmen. Ein Anfänger, der gerade mal ein paar Grundnoten knapp um die Eins herum plazieren kann, wird dieses Gefühl so schnell nicht haben, weil seine Unzulänglichkeit noch sehr deutlich ist, das Raster ist noch sehr grob, Wahrnehmung und technischer Stand weit von der Stufe des Akzeptablen. Festzustellen, dass man in the rut sitzt, erfordert den Vergleich mit der Vergangenheit. Das Gefühl entsteht nach einer deutlichen Weiterentwicklung, es ist eine Atempause und Zeit für eine Orientierung. Es ist kein Endpunkt, kein Stillstand.

Hält sie permanent an, kann das auch für überhaupt keinen Fortschritt stehen, aber das wird die Ausnahme sein, weil man dann am Instrument verzweifelt und schon früher aufsteckt. Somit kann die Sympomatik 'im Loch zu stecken' mit einer chronischen Erkrankung verglichen werden. Das Problem tritt immer wieder und in wechselnden Abständen auf, es ist jedoch nicht bedrohlich, sondern nur unangenehm und hinderlich. Und die ersten Male Auftreten der Beschwerden sind am schlimmsten, später gewöhnt man sich daran und lernt damit umzugehen. Da dann der Hinweis, sich eine Methode für die Situation vorzubereiten. Und dieses Umgehen ist gemeint, wenn von einer eigenen Lösung der Situation die Rede ist. Dieses Umgehen ist eigene Methode und private Sache.

Wie dann weiter?

Fangen wir simpel an. Thema Üben, da hatte ich schon einmal etwas geschrieben. Zu um sich etwas vorzutasten, man weiss ja nie, wo man wirklich ist, auch der Hinweis auf diesen schon älteren Artikel. Er ist hier insofern noch einmal erwähnt, weil er strukturelle Maßnahmen anspricht.

Nehmen wir an, das Thema Üben ist nicht das Problem, es fehlt der Kick, das Neue, das unerforschte Land. Wo ist dann das Problem? Wahrscheinlich ist es die Lernziel-Planung. Manchem mag es blöde erscheinen, sich für's Üben so etwas wie einen Plan zurecht zu legen, idealerweise schriftlich. Tatsächlich ermöglicht der Übe-, Entwicklungs- und Spielplan die Verfolgung der eigenen spielerischen Entwicklung. Mal als ein Beispiel für eine private Maßnahme. Andere Arten des Umgangs mit der Situation ist, sich Methoden anzugewöhnen, wie man sich wieder motiviert und wieder 'in die Gänge kommt'.

Alternativen

Wenn man so ein gesettleter Rock-Basser ist: wirklich überhaupt kein Interesse am Jazz, auch nicht in den gemilderten Formen wie Acid Jazz oder Swing? Die Beschäftigung mit modalem Spiel, Progressions und Improvisation ist was anderes als 1-5-1 ... und sei es Folk oder Klassik. In gewisser Weise handelt es sich hier auch um Lernziel-Planung, nur geht es nicht um Skalen oder Patterns, sondern um rein musikalische Aspekte der Beschäftigung.

Jaco sagte über's Notenlesen: 'No one reads a little, either you read or you dont!' Wie wär's denn nun damit, wenn man's denn irgendwie gebrauchen kann? Dann könnte man doch auch Neuland entdecken und mal Sachen nachspielen, die es nicht in TAB gibt. Bach's Cello-Klamotten zum Beispiel.

Anderes Instrument? Nicht schlecht, Herr Specht. Hat man schon einen PC mit Soundkarte, kann ein MIDI-Masterkeyboard schon mit nur 41 Tasten neue Welten eröffnen.Und das für unter 200,-- DM.

Recording? Noch nie gemacht? Mit einem PC-Multitracker ganz einfach, und gar nicht teuer. Songwriting: warum immer nur die anderen machen lassen? Back to the basics: das CD-Regal ist doch bestimmt gut gefüllt. Wie wär's mit ein paar Standards auf der Pfanne? Oder auch einfach mal pausieren, das Instrument vier Wochen in die Ecke stellen.

Eine Bekannte von mir kippte sich bei ihren Migräne-Anfällen immer Mengen an kaltem Kaffee mit frischem Zitronensaft rein. Es half, zwar nur bei ihr, aber es war ihre Methode mit der Situation umzugehen.

Ich denke, es wird sichtbar: das Problem ist nicht, an einem Orientierungspunkt angekommen zu sein, sondern der Blick nach vorn, die Neuorientierung und Planung des weiteren Vorgehens. Das Gefühl, in einem Loch zu stecken, ist nichts Depremierendes oder Lähmendes. Es fordert auf, das weitere Vorgehen zu betrachten und zu planen. Wie genau man das nun macht, muss jeder für sich entscheiden. Die einen kaufen sich ein Buch über Slap oder Tap oder Motown oder Oberton-Spiel, die Nächsten ein Video, noch andere wechseln die Band. Ich für meinen Teil, wenn ich nicht so recht weiss, was ich nun weiter machen soll, suche mir eine Band oder einen Bassisten und studiere die Stücke, die Bass-Linien oder auch den harmonischen Aufbau. Oder ich schreibe einen neuen Artikel und weiss alles besser ...

Es gibt genug zu tun, fangt Ihr schon mal an ...


Nachtrag

Manchmal kommen einem Zusammenhänge so ganz zufällig in den Sinn. Und dann sieht man plötzlich Parallelen, wo vorher einfach eine gewisse Verständnislosigkeit herrschte. Also das war beim Laufen (auch Joggen, Dauerlauf oder ähnlich genannt) ...

Vor gut zwei Jahren habe ich wieder mit dem Laufen angefangen. Ist ausser Schwimmen der einzige Sport, der mir Spass macht, wobei ich weniger das angestrengte Durch-Den-Wald-Mit Heraushängender-Zunge-Hetzen meine, sondern das meditative, konzentrierte Laufen. Am Anfang war ich froh, anderthalb Runden a 2000m zu überleben und nicht länger als 30 Minuten zu brauchen. Mit der Zeit arbeitete ich mich langsam vorwärts, ein Jahr später lief ich zwei Runden problemlos durch. Was mich öfter verblüffte: ich konnte an einem Tag auch mehr als 7000m zackig durch laufen, an anderen Tagen war ich schon nach 4000m komplett am Blech. Dieser Status blieb nun, abgesehen von einzelnen Tages-Highlights kam ich nicht über die 4000m-Grenze dauerhaft hinaus, konnte mir aber auch nicht erklären, warum. Eines Tages, ich lief so vor mich hin, drängte sich die Frage in's Bewusstsein, warum 4000m so eine magische Grenze für mich waren. Und ich merkte, dass es ein mentaler Block war, kein körperlicher. Ich hatte schlichtweg Angst ich könnte mich überfordern, obwohl ich kerngesund bin. Und ich zwang mich dazu an diese Grenze heranzugehen um zu erfahren, dass nichts passiert. Die virtuelle Grenze von 4000m fiel.

Vor kurzem hatte ich wieder so einen Punkt. Normalerweise laufe ich mindestens zwei Mal die Woche 6000m und auch mehr. Und wieder war ein scheinbares Limit erreicht. Nein, Angst vor Überlastung hatte ich nicht, auch hier kam die Erkenntnis erst später, und auch während des Laufens selbst: ich befürchtete es würde einfach die Kraft fehlen und ich warf mir selbst vor, dass ich doch eigentlich schon mindestens 20.000m pro Woche laufen sollte. Ich arbeite mich im Moment auf die 8000m-Strecke heran ...

Was könnte uns das sagen?

Wenn wir etwas angehen, sei es ein Instrument zu spielen oder zu laufen, setzen wir uns Ziele, und damit auch einem Erfolgsdruck aus. Selbst wenn diese Ziele realistisch und realisierbar sind, können wir immer wieder an Punkte kommen, wo wir von einem Meilenstein nicht mehr zum nächsten kommen. Nicht weil unser Körper oder äußere Umstände dies verhindern, es sind mentale Blocks. Die Probleme sind in unserem Kopf, nicht in unseren Fingern oder Beinen.Wie können wir solche Blockierungen auflösen?

  1. Die Ziele müssen nicht nur realistisch sein, sondern sie müssen auch einem persönlichen Vorankommen dienen. Ziele nur um der Ziele willen helfen nicht, es muss die innere Kraft da sein, sie erreichen zu wollen. Auch Ziele nur dem äußeren Bild zu Ehren hindern eher als sie motivieren. Die Motivation als innere Kraft ist der Schlüssel.
  2. Erreiche ich einen solchen blocking point auf dem Weg zum nächsten Meilenstein ist eine schonungslose Selbst-Analyse notwendig. Was in meinem Kopf bremst mich denn aus, was fürchte ich oder welchem Selbst-Anspruch fürchte ich nicht gerecht zu werden (als Beispiele)?
  3. Betrachte ich meine eigenen Sümpfe muss ich feststellen, dass ein möglicher Grund für instrumentelles Nicht-Vorankommen sein kann, dass ich eigentlich meine besser sein zu müssen, in einem Wettstreit mit mir selbst stehe. Damit entziehe ich mir aber einen Teil der Motivation, nämlich stolz zu sein auf das, was ich schon kann, ich knacke mir die eigenen Erfolgserlebnisse und auch alle folgenden.
  4. Um also mentale Blocks aufzulösen, ist die Betrachtung der eigenen inneren Ziele und ihre bewusste Wahrnehmung unumgänglich.

Das gilt für das Laufen, wie auch für die Entwicklung am Instrument oder überhaupt musikalisch. Das meinte ich.

(Nachtrag 9. Oktober 2001: 8.000m in ca. 45min ...)

 

 
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