The Bernd Weitzmann Collection


Per Anhalter durch das Real Book - Part V

Grand Prix D'Eurovision de la Chanson

Die Überschrift klingt in im Zusammenhang mit Jazz etwas provozierend - das gebe ich zu. Aber es ist nun einmal so - mit Jazz-Harmoniefolgen kann man auch in der populären Musik ordentlich was reißen. Das mußte sich Stefan Raab überlegt haben, als er dem „Meister" den Song „Guildo hat Euch lieb" auf den Leib schrieb. Die Akkordfolge des Songs ist sowohl hitparaden- als auch Real Book - tauglich. Der Ohrwurm taucht bei Jazz-Standards häufig am Schluß auf und ist immer wieder auch auf Jam-Sessions als eigenständige Akkordverbindung vertreten. Als Bassist sollte man damit umgehen können.

Worum handelt es sich? Es ist der sogenannte „Turnaround" 1-6-2-5, bei Musikern auch als „16 Mark 25 - Turnaround bekannt. Es werden also auf der Maj-Skala folgende Stufen gespielt: I - vi - ii - V. In Cmaj z.B. heißt das:

| Cmaj7 | Am7 | Dm7 | G7 |

Es geht los mit Stufe I. Dann wird zur Mollparallele gewechselt. In Takt 3 beginnt dann eine ii - V- I Verbindung, die wieder auf Cmaj7 rauskommt, und dann geht es wieder von vorne los. Deshalb heißt das „Turnaround". Diese 16 Mark 25- Verbindung schaffen wir uns jetzt drauf. Ich werde diesmal meinen Prinzipien untreu und schreibe als Beispiel Walking-Bass-Linien auf. Zu allem Überfluß gibt es auch noch einen Jam-Track.

Auf dem Track ist eine kurze Komposition zu hören. Ein passender Name dafür ist mir nicht eingefallen. Einigen wir uns auf den Namen „POD-Song". (Für einen besseren Vorschlag bin ich dankbar) [Aua! d.S.]. Eingespielt ist die Geschichte von einem Studiocrack namens QY20 an den Drums und am Keyboard. Auf der Bass-Spur bin ich drauf, meinen Beitrag auf der Gitarre hören wir uns mal nicht so genau an (ich hab den Part nur deshalb übernommen, weil Larry Carlton die Recording-Session kurzfristig absagen mußte :-)). Im Stereopanorama sind die Spuren so gelegt, daß man entweder die Gitarre, oder den Bass mit dem Balance-Regler ausblenden kann (auf einem Stereokanal bin ich immer drauf, da ist nichts zu machen :-))

The POD Song:  

Mit dem Bass-Part wollte ich mal Möglichkeiten zeigen, wie man so eine Geschichte auf verschiedene Arten begleiten kann. Zum Üben ist das Tempo sehr gemütlich - der Song könnte an sich einige bpm mehr vertragen. QY20 spielt einen gnadenlosen Swing-Groove, es wird also wieder mal gewalkt.

Nehmen wir uns die Sache mal häppchenweise vor. Wir haben ein 8 Takte langes Intro (2 Turnaround-Durchläufe). Da spielen wir zum Eingrooven eine Grundton-Linie.

Ab jetzt kommen Walking-Bass-Linien. Die folgenden 32 Takte habe ich mal ausnotiert.

POD in Detail:

Die nächsten beiden Durchläufe das Turnarounds, das heißt Takt 1 - 8 (ich zähle die Takte erst ab Beginn der WBL) spielt der Bass eine auf Akkordtönen basierende Basslinie. Es folgen 2 Durchläufe (Takt 9 - 16) mit einer auf der Skala aufgebauten Basslinie. In den nächsten beiden Durchläufen (Takt 17 bis 24) bauen wir zusätzlich chromatische Durchgangstöne ein.

Zeit zu verschnaufen. Wenn wir bis hierhin noch einmal aufmerksam zuhören, wird vielleicht klar warum Adam Nitti uns die chromatischen WBL so ans Herz legt. Die hören sich im Vergleich zu den anderen Varianten einfach eleganter und jazziger an. Es kommt dazu, daß die sich auch flüssiger spielen lassen.

Now for something completely different

Dann sind noch 2 Durchläufe (Takt 25 - 32) ausnotiert. Hier kommt ein anderer Bassistentrick - Walken auf einem Pedalton.Es ist hier mit 8 Takten Länge etwas übertrieben, aber sowas kann man in kürzeren Abschnitten immer mal einbauen, etwa um Abwechslung reinzubringen, oder um den Überblick wiederzubekommen, wenn man sich mal „verwalkt" hat. So eine Floskel heißt z.B. bei Carol Kaye sehr treffend „Pit Stop".

Hier gibt es aber nun noch eine Besonderheit: über die ersten drei Takte des Turnaround bleiben wir auf dem C. Das funktioniert deshalb, weil das C nicht nur der Grundton von Cmaj7 ist, sondern auch die Terz von Am7 und die Septime von Dm7. Erst beim G7 paßt das C nicht mehr so gut rein. Auf diese Weise haben wir die Akkorde des Turnarounds „umgetauft", was mitunter sehr effektvoll ist. Die Folge heißt jetzt nicht mehr

Cmaj 7 - Am7 - Dm7 - G7

sondern

Cmaj7 - Am7/C - Dm7/C - G7

Ab jetzt hören die aufnotierten Basslinien auf. Nun herrscht auf der Bass-Spur für 4 Durchläufe (= 16 Takte) Stille, denn der Bass spielt ein kleines Solo. Wir lassen das erstmal außer acht, denn zum Solieren über diesen Turnaround kommen wir in einer der nächsten Folgen. Was wir hier allerdings schön üben können ist das Takte zählen. Also heißt es nun 16 Takte Pause machen und dann im richtigen Timing mit der Gitarre, die das Thema wiederholt, wieder einsetzen.

Ab jetzt spielen wir unsere Basslinie wie uns der Schnabel gewachsen ist - ohne Blick auf irgendein Notenblatt runter bis zum Fade-Out. Und schon sind wir durch. Zum Üben für sich allein empfehle ich folgendes:

  1. Denkt Euch für die Durchläufe bis zum Bass-Solo eigene WBL aus und schreibt sie jeweils auf. Spielt dabei mit den verschiedenen Möglichkeiten aus meinem Beispiel etwas rum. Spielt in der Skala oder „würzt" mit chromatischen Durchgangstönen etwas nach. Legt „Pit Stops" ein. Aber schreibt dieProdukte Eurer Kreativität auf. In dem Teil nach dem Bass-Solo walkt ihr dann einfach drauf los. Ihr werdet feststellen, daß das um so leichter fällt, je mehr unterschiedliche Basslinien wir uns für den Teil vorher ausgedacht und aufnotiert haben.
  2. Falls Ihr ein Real Book habt, blättert durch und sucht nach Stücken, die den 1625-Turnaround enthalten. Sucht dabei nicht etwa nach Cmaj7 - Am7 etc. sondern nach der Stufenfolge I - vi - ii - V in verschiedenen Tonarten. Ihr bekommt so ein Gefühl dafür, wie man Standard-Akkordverbindungen auf den ersten Blick identifiziert. Eine Fähigkeit, die beim Jammen sehr nützlich ist.

Das soll als Einstieg zur 1625 - Verbindung genügen. Demnächst geht es damit weiter. Allerdings nicht bezüglich der Bassbegleitung, sondern wir solieren mal ein wenig. Das ist bei 1625 gar nicht so schwer.

Also bis denne .......

 
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